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- Kategorie: Winter 19 / 20: Chile - Teil II
Humberstone - Eine rostige Zeugin des Salpeter-Booms
Wie ich schon angedeutet habe, gab es in der Atacama-Wüste einen Salpeter-Boom, der in den späten 1870-er Jahren begann und ab 1872 zur Gründung der Stadt Humberstone führte. Diese wurde 1961 schliesslich aufgegeben und dem Verfall preisgegeben. In den Glanzzeiten lebten hier bis zu 3’500 Personen, welche alle mit dem Abbau und Verarbeiten des Salpeters ihr Geld verdienten. Zur Gründungszeit gehörte die Gegend zu Peru und erst nach 1883, nach den sogenannten Salpeterkriegen fiel das ganze Gebiet nördlich von Antofagasta an Chile.
Der Salpeter wurde hier abgebaut und die daraus gewonnenen Nitrate wurden nach Europa und den USA verschifft. Nitrate wurden einerseits als Dünger verwendet, noch fast wichtiger war jedoch der Einsatz des Nitrates als Bestandteil des Schiesspulvers und Sprengstoffs. Im ersten Weltkrieg starben unzählige Soldaten an Verletzungen, welche ihnen mit Nitraten aus dieser Gegend zugefügt wurden.
Anfang der 1920-er Jahren brach der Markt für die hier gewonnenen Rohstoffe zusammen, da der deutsche Chemiker Fritz Haber ein Verfahren erfand, mit dem Nitrate einfach synthetisiert werden konnten.
Das Werk Humberstone produzierte aber noch bis zur definitiven Schliessung Salpeter, der aber immer weniger Nachfrage fand.

Die Reste der Stadt verfallen langsam, das trockene und heisse Klima lässt die Mauern aber noch relativ gut bestehen. Auf der linken Seite reihen sich die Häuser der höheren Arbeiter aneinander. Jedes Haus verfügte über einen kleinen umzäunten Garten vor dem Eingang. Heute wächst hier wegen der fehlenden Bewässerung nichts mehr.

Der zentrale Platz der Stadt mit den Verwaltungsgebäuden im Hintergrund. Auch hier ist alles staubtrocken.

In einem der Häuser sind die Bretterböden noch ganz und die Wände teilweise noch verputzt. Leider gibt es aber auch hier Idioten, welche unbedingt ihren Namen in die Wände einritzen müssen. Offenbar wirkt sich das Abschlagen von Verputz auch positiv auf ihren Hormonhaushalt aus.

In dieser Strasse wohnten die verheirateten, einfacheren Mitarbeiter. Die Häuser sind sehr viel einfacher, aber immer noch einigermassen wohnlich.

Sogar einen grossen Pool gab es einst in der Stadt. Dieser wurde aus Teilen der Blechwände eines grossen Schiffes gebaut. Diese mussten mit der Eisenbahn vom Hafen von Iquique die 1050 m hoch bis in die Stadt gebracht werden. Heute enthält der Pool kein Wasser mehr. Der Sprungturm auf der linken Seite des Beckens wird wohl schon lange nicht mehr benutzt.

In den 1930-er Jahren wurde ein Stadttheater gebaut, hier traten offenbar einige Grössen des Showbusiness der damaligen Zeit auf. Auch dieses Haus ist nur noch eine leere Hülle.

Der ehemalige Markt dient heute während der touristischen Hochsaison wieder als Markt, hier werden allerlei Souvenirs verkauft. Da zur Zeit einerseits noch nicht Hochsaison ist und andererseits wegen der aktuellen Situation ohnehin weniger Touristen in Chile reisen, waren heute nur wenige Stände geöffnet.

Ohne Kirche ging auch im Salpeter-Paradies nichts. Dieses Haus ist noch eingermassen gut im Schuss und hier entgingen die Wände bisher der Beschädigung.

Ein Lokomotiven-Wrack zeugt von der wichtigen Transport Route von der Hochebene hinunter an den Pazifik. Heute sind die meisten Schienen nicht mehr zu sehen, sie wurden entweder entfernt oder dann vom allgegenwärtigen Sand verschüttet. Ob mit dieser Lokomotive wohl das Schimmbad in die Höhe transportiert wurde?

Einige alte Maschinen, deren Einsatzzweck sich mir nicht erschloss, stammen aus England. Damals war jenes Land noch führend in der Herstellung von industriellen Gütern. Viele der Eigentümer und höheren Angestellten der Salpeter-Werke stammten auch aus England.

Die grosse Anlage, wo die Nitrate gewonnen wurden, ist nur noch ein gigantischer Rosthaufen. Alles, was noch irgendwie einsetzbar war, wurde 1961 nach der Stilllegung des Werkes verkauft und offenbar wurde auch sehr viel gestohlen.
Unser nächstes Ziel wäre heute 45 km weiter südlich gelegen, es gibt dort die sogenannten Cerros colorados, ein Gebiet mit Felszeichnungen, welche zwischen 1000 und 1400 unserer Zeitrechnung entstanden. Als wir von Humberstone losfahren wollten, bemerkten wir, dass sich der Verkehr auf der Strasse staute, viele Lastwagen, aber auch PWs und Busse standen still. Da sich der Verkehr nicht bewegte und auch nicht klar war, was der Grund war, wollten wir nicht in den Stau fahren und kehrten wieder um in Richtung Pazifik. Zur Zeit finden immer wieder Strassensperrungen statt, indem die Demonstranten auf den Fahrbahnen Autoreifen anzünden. Und darauf hatten wir keine Lust. Die Felszeichnungen können wir auf dem Rückweg nach Santiago in ein paar Tagen immer noch ansehen.

Bevor die Strasse von der Hochebene auf gut 1000 m zum Pazifik hinunter ging, gab es einen Aussichtspunkt, von welchem aus die Stadt Iquique gut zu übersehen ist. Hinter der Stadt gibt es eine grosse, knapp 300 m hohe Sanddüne und davor endlose Strände. Unser Hotel liegt zuvorderst an der ersten Landzunge am rechten Bildrand.

Eine grosse Christus-Figur unter einer grossen Chile-Flagge grüsst vom Aussichtspunkt die Stadt.
